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Article published in a shorter version in the "Fisch&Fliege" magazine.
In German only.

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„Wir haben nichts anderes als Fisch“

Jogvan ist ein typischer Färinger. Leicht torkelnd steht er vor mir, denn der Genuss von Bier und Schnaps zeigt Wirkung. Doch wenn er über seine Heimat spricht, redet er mit fester Stimme. Ich sitze im Glitnir, einer Hafenkneipe in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer Inseln. Es ist ein Platz, der nachdenklich stimmt. In den wettergegerbten Gesichtern des Stammklientels hat der elementare Kampf zwischen Mensch und Meer seine Spuren hinterlassen. Nahezu jeder weiß etwas über einen Freund zu berichten, der bei „stürmischem, sehr stürmischem Wetter“ über Bord ging. Angesichts solcher Tragödien ist der Alkohol nicht weit – wie bei Jogvan, der nun schwankend und mit entschuldigender Haltung darauf wartet, dass ich etwas entgegne. Erst vor kurzem hat das Magazin NATIONAL GEOGRAPHIC die letzten Paradiese dieser Welt bewertet. Die Färöer haben den ersten Platz belegt. Jeder mag hier finden, was er will, eines sind die Färöer definitiv: ein Paradies für Angler.

Stichwort: Seen

Die Färöer bestehen aus 18 Inseln von unterschiedlicher Größe und liegen im Nordatlantik, genauer gesagt zwischen Schottland und Island, inmitten einem der fischreichsten Gewässer der Welt. Auf dem Archipel, das die Färöer bilden, ist kein Punkt weiter als 5 km vom Meer entfernt. Das Angeln beschränkt sich auf den Färöer hauptsächlich auf die Inseln Streymoy, Sandoy und Eysturoy. Weniger aufgesucht werden die Seen auf Vagar, die Buchten von Suduroy und so gut wie gar nicht die im Norden gelegenen Inseln. Zugegeben: Leider angelt man auf den Färöer auf Lachs und Bachforelle fast ausschließlich in Seen. Durch das enorme Gefälle der färingischen Landschaft, bei dem sich Berggipfel von bis zu 880 Meter in wenigen hundert Meter auf Meeresniveau stürzen, sind Flüsse eigentlich nur Regenwasserläufe, wenngleich ungleich pittoreske. Es gibt allerdings Ausnahmen. Vor allem aber es gibt es eine Vielzahl an Vorzügen, die „Seeskeptiker“ davon überzeugen, dass die Färöer ihren Rang auf der Paradies-Hitliste verdienen. Oder anders gesagt: Die vier Attribute, die Angeln auf den Färöer Inseln einzigartig machen sind Artenreinheit, Freiheit, Aufmerksamkeit und der mystische Zauber des Nordens.

Artenreinheit

Es gibt auf den Färöer kaum einen Tag an dem zur Lachssaison kein Fisch gefangen wird. Einen Lachs zu fangen kann etwas Alltägliches sein und Zahlen von bis zu 20 Fischen sind keine Seltenheit. Natürlich werden nicht immer Superlative erreicht, meist sind es Fische mittlerer Größe, doch kann ein Lachs bisweilen schon auf ein Gewicht von bis zu 10 kg kommen. Das Fischen auf Meerforellen steht dem Lachsangeln jedoch an Attraktivität in nichts nach. Sehenswert und für Meerforellenliebhaber ein Muss ist das südlich gelegene Suduroy. Dort kann man davon ausgehen, der einzige Angler an den entlegenen Sandbuchten zu sein. Tatsächlich verfügen die Färöer über unerschöpfliche Vorkommen an Meerforellen. Sie sammeln sich in allen Buchten rund um das Archipel, wo sie sich zusammen mit Hunderttausenden von Plattfischen über den sandigen Meeresböden in erster Linie von Sandaalen ernähren und auch teilweise mit den Lachsen in die Seen aufsteigen. Überhaupt nehmen die Färöer eine Sonderstellung ein, was die natürliche Reinheit und Artenvielfalt angeht. Man muss sich nur einmal vor Augen halten, dass man hier in zwei Seen noch kleine Vertreter des genetisch reinen Arctic Char antrifft, und auch die Spezies der färingischen Bachforelle in dieser genetischen Unverfälschtheit sonst nur noch in den Gewässern der Insel Isle of Skye existiert. So kann der Angler je nach Bedingungen und Gusto wechseln zwischen Fliegenfischen auf Lachs, auf Meerforelle oder Bachforelle und, da alle Gewässer nur wenige Autominuten voneinander entfernt liegen, je nach Windrichtung und Regenmenge der Tage zuvor sein individuelles Gebiet für den jeweiligen Angeltag abstecken.

Am Saksunarvatn angele ich am liebsten auf Lachs. Der See liegt ca. 45 Minuten außerhalb von Torshavn und rahmt den verträumten Weiler Saksun ein. Die Lage hoch über einem Kessel mit einem Meeresfjord, umringt von 700 Meter hohen Bergen macht Saksunarvatn geradezu legendär. Oberhalb der Lachssee und ein paar Hundert Meter tiefer gelegen die Bucht mit dem malerischen Fjord. Bei Ebbe trocknet ein Teil aus, so dass man durch einen Canyon bis zum offenen Meer zu einer der schönsten Stellen für den Fang von Meerforellen laufen kann. Im Sommer und Herbst sammeln sich hier in der Bucht im Restsee, im Übergang von Ebbe und Flut die Fische und warten auf den Aufstieg. Eine wunderbare Herausforderung für den guten Angler. Doch ein Wort der Warnung: Diese Augenblicke weilen oft nur kurz. Hüten Sie sich davor, nicht rechtzeitig zurück oder gar im Dunklen unaufmerksam zu sein. Ein Angler und Vater von drei Kindern ist von dieser Stelle nicht mehr zurückgekehrt.

Freiheit

Unerschütterlich im Glauben an umsichtiges Verhalten seitens aller Angler benötigt man auf den Färöer für die meisten Seen, in denen man Bachforellen antrifft, keine Angelerlaubnis. Ebenso ist die Stora bei Hvalvik einer der wenigen Orte, an dem man lizenzfrei schon mal einen Lachs während der Saison fangen kann, obendrein einer der seltenen Lachsflüsse, eine Rarität also. Die einzigen Stellen der Färöer, für die ein Angelkarte benötigt wird, sind die beiden Lachsseen Leynarvatn mit seinem Zufluß Mjáuvøtnini und der spektakulär gelegene, romantische Saksunarvatn. Bei allen anderen Gewässern, die sich zum Teil in Privatbesitz befinden, möchte ich dringend empfehlen, Catch&Release zu praktizieren. Nebenbei: es mag manch einen ausländischen Angler verwundern, dass diese Praktik im Kodex der Färinger noch keinen festen Platz gefunden hat – die Erklärung ist denkbar einfach. 98% des Bruttoninlandsproduktes der Färöer speist sich über Fisch. Ohne Fisch gäbe es heute keine Wirtschaft – und früher hätte es ohne Fisch überhaupt kein Leben gegeben. Insofern besteht ein gänzlich anderes Verhältnis zu diesem Tier. Nicht respektloser. Nur einfach dem Alltag zugehöriger. Obwohl man den Färingern zugestehen muss, dass bei den jüngeren Fliegenfischern bereits eine Tendenz zum Catch&Release zu beobachten ist.

Aufmerksamkeit

Als ich im Glitnir sitze, bin ich gerade vom Leynarvatn zurückgekehrt, einem der beiden Seen, in denen man auf den Färöer auf Lachs angelt. Er liegt ca. 30 km von der kleinen Hauptstadt Torshavn entfernt, wo ich mich auch in einem kleinen Sommerhäuschen eingemietet habe. Leynarvatn darf man gut und gerne als den Hot Spot für Lachs bezeichnen, und da er sich praktisch vor den Toren Torshavns befindet, sind dort auch die meisten Angler präsent. Wer es gesellig mag, sich gerne mit Einheimischen über das Thema Lachs austauscht und viele Tipps bekomme möchte, ist dort gut aufgehoben.
In der Hochsaison ab Mitte August bis Ende September, trifft man täglich bis zu 30 Angler an. Den Rest des Jahres jedoch genießt man völlige Zurückgezogenheit. Das Angeln mit der Fliege ist die Regel, die Ausnahme bilden Spinnangler. Oder ganz unerschrockene Vertreter, die unbeirrbar mit leuchtend rotem Schwimmer und Shrimps fischen, die man ein wenig augenzwinkernd ihrem Glück überlassen darf. Denn ohne Zweifel ist Leynarvatn das gehegte Lieblingskind des färingischen Angelsportvereines, der etwa 320 Mitglieder zählt. Jedes Jahr wird der See mit Jungfischen besetzt und sehr aufwändig hat man eine Fischtreppe vom Aufstieg an der Küste bis hinauf zum See errichtet. Die Aufsteiger lassen sich schön beobachten und photographieren und sinnvollerweise herrscht in diesem Bereich immer Angelverbot. Es ist zu empfehlen, sich bereits bei Sonnenaufgang am See einzufinden. Oft herrscht eine geradezu verwunschene Stimmung mit sich allmählich lichtenden Nebelschwaden, und auch die Kontakte mit den Lachsen sind häufiger und aufgeschlossener. Auf jeden Fall aber genießt man herrliche Ruhe.

Jogvan im Glitnir dagegen kommt gerade erst in Fahrt und beginnt, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen – wenngleich nicht in epischer Breite, denn inzwischen weiß er um mein Interesse am Thema Fisch. „Meine Mutter ist vor drei Monaten gestorben. Hier auf den Färöer hatten wir nichts, wissen Sie? Wir mussten uns von Wal ernähren – eigentlich hat uns immer nur das Meer ernährt. Wir haben nichts anderes als Fisch!“ In diesem Moment fällt mir auf, dass die Färinger und die Deutschen offensichtlich eine zweifelhafte Gemeinsamkeit teilen: Beide sind es gewohnt, bei einem Gespräch mit einem Besucher seines Landes auf einen ganz bestimmten Aspekt – und stets den gleichen – angesprochen zu werden. Die färingische Geschichte ist wie die deutsche eine entbehrungsreiche. Mit dem Unterschied, dass Färinger von einer gewissen Grundzufriedenheit, zumindest aber von einem Stolz gegenüber ihrem Land geprägt sind. Zu Recht.

Und schließlich: der Zauber der Seen selbst – etwas für Könner

Dem nordischen Zauber vermag sich auf den Färöer mit seinen Bergen und Gewässern keiner zu entziehen. Sicherlich ist das Fliegenfischen auf Lachs in Seen für viele Angler nicht erste Wahl. Ich gebe zu, ich genieße es zwischendurch ebenfalls, die Fliege dem Fisch mit dem Strom zu präsentieren. Und doch habe ich die Besonderheit des „stillen“ Wassers sehr zu schätzen gelernt. Blickkontakt zum Fisch stellt sich verhältnismäßig häufig ein, was es ermöglicht, ihn direkt anzuwerfen. Meist ziehen ganze Schwärme von Tieren ihre Kreise rund um den See und so kann es vorkommen, dass bis zu drei Angler gleichzeitig einen Fisch haken und zu landen versuchen. Dadurch, dass der Angelsportverein in den färingischen Lachsgewässern jedoch eine Angelpause für Sonntag und täglich von 13:00 bis 14:00 Uhr eingeführt hat, hat man den Angeldruck ein wenig entschärft und die besten Plätze können so in einer Art Rotation neu besetzt werden. Ellbogenprinzip hilft, nebenbei gesagt, allerdings auch. In den kristallklaren und sauerstoffreichen Gewässern gibt es Bereiche mit einer herrlichen Unterwasserwelt. Je nach Windrichtung kann man den richtigen Standort zum Werfen auswählen und braucht sich auf den baumlosen Färöern nicht um „Hänger“ zu sorgen. Der Umstand, dass der Fisch im Stillwater besonders scheu und aufmerksam ist, erfordert einen gekonnten und bisweilen weiten Wurfstil. Selten hakt der Anfänger einen Fisch und die Fangzahlen der guten Caster sind überproportional. Die Statistik im Fluss sieht mit Sicherheit anders aus. Seen sind etwas für Könner. Mit sehr langen und möglichst feinen Vorfächern lässt sich die Fliege dem Fisch unauffällig präsentieren, Vorfachlängen von 2facher Rutenlänge bei 10 Fuß Ruten sind die Norm bei einer Vorfachstärke zwischen 22 und 28 mm. Und die nordatlantische Brise trägt das feine Vorfach. Immer wird mit Einhandruten gefischt. Doppelhandruten oder gar Schussköpfe sind hier wohl nicht feinsinnig genug. In der Regel fischt der Färinger mit einer WF Schwimmschnur und einer 7er Schnurklaase. Seit kurzem sieht man auch mehr grazile Tubeflies im Gebrauch. Aber als sehr fängige Fliegen haben sich je nach Bedingung die Teal Blue & Silver, oder die Hairy Mary bewährt. Ich selbst benutze gerne Shrimp Flies und habe mit diesen all meine färingischen Lachse gefangen.

Auch Jogvan ist noch beim Thema Fisch. „Mein Bruder und ich hatten Restur fish und Grind zum Abendessen“, also halbvergorenen Hering und Grindwalfett, „Das war so gut!“ Wenn es denn mit der deutschen Geschichte auch so einfach wäre, und wir unsere Kultur über ein so interessantes Tier wie den Fisch definieren könnten. Doch das bleibt Paradiesen vorbehalten.

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